www.e-lectric.de  29th August 2001
 

Und es war doch Vince...

Mit „Secrets" meldet sich das Trio Human League zurück – und erlebt plötzlich den Riesenerfolg Sheffield. Das Telefon in dem kleinen Studio will nicht stillstehen. Mitten im britischen Sheffield ist der Teufel los. Pausenlos hantiert Phil Oakey mit dem Gerät. Beantwortet Interviewfragen. Vergibt Vorstellungstermine. Und plant. Und managt. Der Erfolg des neuen Albums „Secrets" hat selbst das gestandene Mastermind des Synthesizer-Trios überrascht. Mit einem großen Knall stehen Oakey (46) und seine beiden Mitstreiterinnen Susanne Sulley (38) und Joanne Catherall (39) plötzlich wieder im Rampenlicht. Wir sprachen mit Phil Oakey über die furiose Rückkehr, zukünftige Projekte und einen Song namens „Vince" . Am 18.08.01 gaben Human League ein Kurz-Konzert im Rahmen der Popkomm in Köln

e-lectric: Gibt es ein Konzept hinter „Secrets"? Schließlich sind die einzelnen Songs mit kurzen Instrumentalstücken verbunden.
Phil Oakey:
Ja, es gibt in der Tat so eine Art Konzept. Damit wollten wir zeigen, dass Human League eine Geschichte hat. Die einzelnen Instrumentalstücke beziehen sich auf die einzelnen Abschnitte unserer Arbeit. So könnte dieses ein Song von unserem Album „Travelogue" sein oder jenes ein Song von „Octopus". Damit wollten wir zeigen, dass es Human League schon sehr lange gibt – seit 23 Jahren, um genau zu sein. Allerdings waren wir niemals eine Band – wir waren immer viele Bands. Darauf sind wir stolz.

e-lectric: Wie sieht dann „Human League 2001" aus?
Oakey
: Ich denke, heute sind wir die Band, die wir immer sein wollten. Und mit „Secrets" haben wir das Album geschrieben, das wir immer schreiben wollten. Auf diese Chance haben wir seit den frühen 1980-er Jahren gewartet. „Secrets" ist ein europäisches Synthesizer-Dance-Album, das ein wenig auf der aktuellen Dancemusic basiert.

e-lectric: Was habt Ihr zwischen „Octopus" (1995) und „Secrets" getan?
Oakey: Eigentlich haben wir bloß versucht, weiter zu arbeiten. Es war für uns sehr hart, mit der Musikindustrie ins Geschäft zu kommen. Also mussten wir erst mal sehen, dass wir Geld verdienen, um überhaupt eine neue Platte aufnehmen zu können. Nach „Octopus" waren alle zufrieden mit uns und unserer Arbeit. Die folgenden sechs Monate arbeiteten wir mit einem Produzenten an neuem Material. Doch es funktionierte einfach nicht. Zu unserem Unglück wechselte dann bei unserem damaligen Label Eastwest das Management – und die neue Firmenleitung warf uns raus. Um im Geschäft zu bleiben, spielten wir kleinere und zum Teil sehr persönliche Konzerte, bevor wir schließlich mit Culture Club in Großbritannien eine Retro-Tour unternahmen. Und damit verdienten wir tatsächlich genügend Geld, um unsere Demos aufnehmen zu können. Zudem bekam ich die Chance, bei einem Projekt namens „The All Seeing Eye" zu singen.
Somit kam ich mit verschiedenen Leuten von verschiedenen Plattenfirmen ins Gespräch. Und wir kamen zu einem neuen Vertrag.

e-lectric: Wie kam es dann zu „Secrets"?
Oakey:
Das kam gleich danach. Die Aufnahmen dauerten 13 Monate. Und so haben wir die letzten Jahre verbracht.

e-lectric: Sehr Ihr das neue Album als Comeback?
Oakey: Nein, nicht wirklich. Ich sehe es einfach als Teil im Fluss der Dinge, als Teil der Entwicklung. Die Leute sehen es natürlich als Comeback, dabei haben wir nur weitergearbeitet, wie wir es eigentlich immer getan haben. Wir planen nichts, ehrlich gesagt. Wir versuchen bloß, Platten zu machen. Und das ist heute verdammt schwer.

e-lectric: Werdet Ihr mit „Secrets" touren?
Oakey: Oh ja, wir wollen es unbedingt. Zurzeit geht es noch um das Wie. Gerade testen wir Musiker aus der Umgebung, die uns begleiten sollen. Im Moment fügt sich alles recht gut zusammen. Bisher haben wir eine Art Halbplayback-Show vorbereitet, mit der wir auch bei einem Auftritt in Hamburg im September zu sehen sein werden. So etwas muss man übrigens als Band heute haben, um bei diesen neumodischen Radio-Festivals spielen zu können. Derzeit fehlen uns also nur noch einige Leute – und dann können wir eine richtig große Tour starten.

e-lectric: Kommt Ihr damit auch nach Deutschland?
Oakey: Garantiert! Wir wollen unbedingt Europa bereisen. Ginge es nach mir, wären wir schon jetzt unterwegs. Aber Promotion macht immer einen Strich durch die Rechnung. Die Plattenfirma denkt eben, das sei wichtig. Ich aber glaube, dass Live-Auftritte viel wichtiger sind als Werbung für die Platte zu machen. Gute Konzerte sind die beste Promotion.

e-lectric: Was hat sich Deiner Meinung nach verändert in den letzten Jahren?
Oakey: In der Branche ist nichts mehr so, wie es mal war.
Früher gab es da viele verrückte Plattenfirmen mit viel Geld, das man mit beiden Händen ausgeben durfte. Als wir begannen, brauchten wir eigentlich nicht mal eine Plattenfirma. Wir konnten von den Live-Auftritten leben. Und wenn man dann wie wir auch noch einen Vertrag für Albumveröffentlichungen hatte, konnte man noch besser leben. Heute dagegen ist alles sehr streng und knapp bemessen. Auch, weil es nur noch eine Hand voll großer Plattenfirmen gibt. Und zwischen den kleinsten Bands und Madonna, zwischen winzig und megagroß, gibt es keine Live-Szene mehr. Da ist ziemlich übel, weil es die Entwicklung der aktuellen Musik stoppt. Damals waren wir die erste Band, deren Mitglieder keine festen Rollen hatten. Zuvor musste eine Band einen Schlagzeuger, einen Gitarristen, einen Sänger und so weiter haben. Heute jedoch macht jeder alles. Und der Produzent mischt auch noch kräftig mit, er nimmt Einfluss auf die Arbeit. Der Prozent ist jetzt oft sogar wichtiger als die Band selbst. Früher haben solche Leute einfach nur das aufgenommen, was die Gruppe auf der Bühne gespielt hat. Und Geld hat heute auch niemand mehr zu viel.

e-lectric: Ist „Secrets" eine Anspielung auf Euren Erfolg in den 80-ern?
Oakey: Ja, ich denke schon. Es muss einfach so sein. Obwohl ich mich mit der Musik dieser Zeit nicht mehr beschäftige. Ich höre nur moderne Dancemusic. Der Charakter von „Secrets" hat eine Verbindung zu jener Musik, der ich es verdanke, dass ich selbst Musik schreiben will – David Bowie, Roxy Music, Donna Summer ...

e-lectric: Welche Synthesizer habt Ihr benutzt?
Oakey: Die ganz alten! Ich benutze nur die, weil mir die neuen Geräte nicht gefallen. Wir haben die ganz alten Korgs hervorgeholt, die ganz alten Rolands und die alten Oberheim-Kisten, dazu noch zwei Arp-Synths. Obwohl: Gerade haben wir noch eine riesige Investition getätigt und uns ein megamodernes Gerät gekauft ...

e-lectric: Gibt es einen Unterschied in der Arbeit damals und heute?
Oakey: Die größte Unterschied ist wohl die Aufnahmetechnik. Heute wird ja alles gleich auf Festplatte aufgezeichnet.
Damit gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Aufnahme und dem Sampling. Ein Beispiel: Wenn wir in den 80-er Jahren etwa einen guten Drum-Sound auf dem Synth gefunden hatten, spielte ihn der Computer bloß ein einziges Mal so. Die wiederholten Sounds klangen dann bloß noch furchtbar. Heute nimmt man einfach den besten Sound, speichert und kopiert ihn. Allerdings schwindet dabei auch die Herausforderung bei der Arbeit. Die Entwicklung von Sounds war ein großer Teil der Arbeitsfreude.

Wenn man sich heute eine Synthesizerplatte 20 Mal anhört, wird man solche Sounds, die sich erst bei der Aufnahme entwickelt haben, vermissen.

e-lectric: Also beobachtest Du die derzeitige Musik sehr genau?
Oakey:
So oft ich nur kann. Die Dancemusic ist heute so breit gefächert.
Die deutsche Dancefloormusik von der Mitte der 90-er Jahre an gefällt mir ganz besonders. Über House weiß ich dagegen nichts, auch R&B höre ich nicht. Bei Techno, Trance, Electro und allem, was in diese Richtung geht, kenne ich mich dagegen aus.

e-lectric: Wie waren die Reaktionen auf „Secrets" bisher?
Oakey: Sehr gut, die Platte läuft gut.
Wir bekamen sogar die besten Kritiken unserer gesamten Schaffenszeit.

e-lectric: Wie geht Ihr mit diesem plötzlichen Riesen-Interesse um?
Oakey: Es ist klasse. Aber wir haben im Moment einige Probleme mit der Planung für die nächste Zukunft.
Ziemlich verrückt, eigentlich. Schließlich hocken wir die meiste Zeit in unserem winzigen Studio in Sheffield. Und einen Manager haben wir gerade nicht. So müssen wir uns erst mal sortieren und herausfinden, was wir als nächstes machen wollen.

e-lectric: Macht Euch dieser große Erfolg nicht auch ein bisschen traurig, da andere Human League-Alben nicht so gefeiert wurden?
Oakey:
Eigentlich nicht. Popmusik ist so schnelllebig. Jahrelang haben wir in diesen Rahmen nicht hineingepasst, heute aber passt plötzlich alles. Aber irgendwie hat das einen Sinn. In den 90-ern waren wir nicht angesagt, weil es für Human League zwischen House und Grunge keinen Platz gab. Es braucht eben alles seine Zeit. Ich denke, es ist eine gute Sache, dass unsere Art der Instrumentierung endlich akzeptiert wird. Und nicht nur das – sie ist zu einer Art Standard geworden. Ein Synthesizer gilt heute genauso als authentisches Instrument wie ein Saxofon oder ein Klavier. Für uns ist das prima: Wir haben immer an die Synths geglaubt.

e-lectric: Wenn Du etwas ändern könntest in den all den Jahren, was wäre es?
Oakey: Wir hätten mehr touren sollen. Und wir hätten mehr Platten machen sollen. Dafür hätten wir uns umbringen müssen. Das allerwichtigste sind aber Tourneen, davon hätten wir mehr unternehmen sollen. Die letzten beiden Europatouren haben wir einfach abgesagt, weil der Kartenvorverkauf nicht besonders gut lief. Das war ein Fehler. Wir hätten trotzdem spielen sollen. Daher arbeiten wir gerade an einem Showkonzept. Letztlich ist dies das einzige Mittel, die Leute zu erreichen, die sich für uns interessieren.

e-lectric: Wann kommt Ihr nach Deutschland?
Oakey: Ich möchte, dass es noch in diesem Jahr passiert. Das ist unser nächstes Projekt. Zurzeit laufen Gespräche mit verschiedenen Managements.

e-lectric: Wie siehst Du die Zukunft von Human League? Arbeitest Du schon an neuem Material?
Oakey: Ja, gerade notiere ich schon Titel ... Und wir forschen schon nach der technischen Ausrüstung dafür. Denn bei der Aufnahme wollen wir einen großen Schritt zurückgehen.
Dafür bringen wir gerade einige sehr alte Computer und Synthesizer auf Vordermann. Zudem wollen wir Abstand nehmen von MIDI, damit die Songs gleich von Anfang sehr organisch, sehr natürlich klingen. Vielleicht kommt MIDI dann später.

e-lectric: Ein Arbeitstitel für einen „Secrets"-Song war Vince. War der Titel eine Anspielung auf Vince Clarke von Erasure?
Oakey: Aber ja, es stimmt, es war wirklich so. Heute heißt der Song „Never Give Your Heart To A Runaway". Die Demoversion wurde mit einem Jupiter 6 aufgenommen und ich dachte, dass sie sehr nach Erasure und Vince Clarke klingt. Unser Produzent aber hat dies weggewischt, so dass man davon leider nichts mehr merkt.

e-lectric: Martyn Ware und Vince arbeiten gerade sehr oft zusammen. Denkt auch Ihr vielleicht an eine Kooperation mit Vince?
Oakey:
Ich weiß ja nicht mal, wo die beiden sind! Ich habe Martyn seit Jahren nicht mehr gesehen. Wie man hört, lebt er heute in London und hat zwei Kinder. Vince habe ich mal 1980 getroffen und seither nie wieder gesehen. Dabei würde ich dafür sterben, mal sein Studio zu sehen.

e-lectric: Dieser Arbeitstitel hat einige Gerüchte verursacht, auch weil Vince gerade in so vielen Projekten aktiv ist. Aber bei Human League mischt er noch nicht mit. Oder?
Oakey:
Nein, noch nicht – noch nicht ...

e-lectric: Wäre so etwas oder eine gemeinsame Tournee mit Erasure – ähnlich wie die mit Culture Club – überhaupt interessant? Oder klingt das zu sehr nach Nostalgie?
Oakey:
Warum nicht? Schließlich schämen wir uns für nichts – ich mag die alten Human League-Platten, ich bin noch immer stolz auf sie. Viele Künstler verleugnen heute ihre Vergangenheit. Wir nicht. Wir haben niemals etwas getan, das uns nicht gefiel. Daher haben wir auch mit solchen Tourneen kein Problem. Im Gegenteil: Sie sorgen dafür, dass es weitergeht. Mein Lebensziel ist es, noch viele weitere Platten zu machen – mit Sounds, die noch niemand zuvor gehört hat. Und dafür gebe und tue ich alles.

e-lectric: Woher beziehst Du Deine Inspiration?
Oakey: Aus der Kultur, aus allem, was in diesem Bereich um mich herum geschieht. Bücher, Kino und so weiter. Ich sehe die Welt als ein großes Netz, das alle Dinge mit einander verbindet.

e-lectric: Dann müsste Dich das Internet ja sehr interessieren?
Oakey:
Oh nein, mein Computer kommt nicht an die Telefonbuchse! Nachher steigt Bill Gates in meinen Rechner! Das will ich nicht. Für das Internet bin ich zu paranoid. Ich habe ihm bisher erfolgreich widerstanden.

e-lectric: Würdet Ihr denn mal ein Internetkonzert spielen?
Oakey: Das würde davon abhängen, wie es aussehen soll. Unsere deutsche Plattenfirma redet auf uns ein, um uns davon zu überzeugen, dass sich das Internet für uns lohnt. Aber ich denke, dass das Netz in Europa sowieso eine größere Bedeutung hat als hier in England. Ich probiere es inzwischen also hier und da mal aus.
Im Moment denke ich, dass man da viel Geld ausgeben kann ohne jemals etwas dafür zu bekommen.