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e-lectric:
Gibt es ein Konzept hinter „Secrets"?
Schließlich sind die einzelnen Songs mit kurzen Instrumentalstücken
verbunden.
Phil Oakey:
Ja, es gibt in der Tat so eine Art Konzept. Damit wollten wir zeigen, dass
Human League eine Geschichte hat. Die einzelnen Instrumentalstücke beziehen
sich auf die einzelnen Abschnitte unserer Arbeit. So könnte dieses ein Song
von unserem Album „Travelogue" sein oder jenes ein Song von „Octopus". Damit
wollten wir zeigen, dass es Human League schon sehr lange gibt – seit 23
Jahren, um genau zu sein. Allerdings waren wir niemals eine Band – wir waren
immer viele Bands. Darauf sind wir stolz.
e-lectric:
Wie sieht dann „Human League 2001" aus?
Oakey: Ich denke, heute sind wir die Band, die wir immer sein wollten.
Und mit „Secrets" haben wir das Album geschrieben, das wir immer schreiben
wollten. Auf diese Chance haben wir seit den frühen 1980-er Jahren gewartet.
„Secrets" ist ein europäisches Synthesizer-Dance-Album, das ein wenig auf
der aktuellen Dancemusic basiert.
e-lectric:
Was habt Ihr zwischen „Octopus" (1995) und „Secrets" getan?
Oakey: Eigentlich haben wir bloß versucht, weiter zu arbeiten. Es war
für uns sehr hart, mit der Musikindustrie ins Geschäft zu kommen. Also
mussten wir erst mal sehen, dass wir Geld verdienen, um überhaupt eine neue
Platte aufnehmen zu können. Nach „Octopus" waren alle zufrieden mit uns und
unserer Arbeit. Die folgenden sechs Monate arbeiteten wir mit einem
Produzenten an neuem Material. Doch es funktionierte einfach nicht. Zu
unserem Unglück wechselte dann bei unserem damaligen Label Eastwest das
Management – und die neue Firmenleitung warf uns raus. Um im Geschäft zu
bleiben, spielten wir kleinere und zum Teil sehr persönliche Konzerte, bevor
wir schließlich mit Culture Club in Großbritannien eine Retro-Tour
unternahmen. Und damit verdienten wir tatsächlich genügend Geld, um unsere
Demos aufnehmen zu können. Zudem bekam ich die Chance, bei einem Projekt
namens „The All Seeing Eye" zu singen.
Somit
kam ich mit verschiedenen Leuten von verschiedenen Plattenfirmen ins
Gespräch. Und wir kamen zu einem neuen Vertrag.
e-lectric: Wie kam es dann zu „Secrets"?
Oakey:
Das kam gleich danach.
Die Aufnahmen dauerten 13 Monate. Und so haben wir die letzten Jahre
verbracht.
e-lectric:
Sehr Ihr das neue Album als Comeback?
Oakey: Nein, nicht wirklich. Ich sehe es einfach als Teil im Fluss
der Dinge, als Teil der Entwicklung. Die Leute sehen es natürlich als
Comeback, dabei haben wir nur weitergearbeitet, wie wir es eigentlich immer
getan haben. Wir planen nichts, ehrlich gesagt. Wir versuchen bloß, Platten
zu machen. Und das ist heute verdammt schwer.
e-lectric:
Werdet Ihr mit „Secrets" touren?
Oakey: Oh ja, wir wollen es unbedingt. Zurzeit geht es noch um das
Wie. Gerade testen wir Musiker aus der Umgebung, die uns begleiten sollen.
Im Moment fügt sich alles recht gut zusammen. Bisher haben wir eine Art
Halbplayback-Show vorbereitet, mit der wir auch bei einem Auftritt in
Hamburg im September zu sehen sein werden. So etwas muss man übrigens als
Band heute haben, um bei diesen neumodischen Radio-Festivals spielen zu
können. Derzeit fehlen uns also nur noch einige Leute – und dann können wir
eine richtig große Tour starten.
e-lectric:
Kommt Ihr damit auch nach Deutschland?
Oakey: Garantiert! Wir wollen unbedingt Europa bereisen. Ginge es
nach mir, wären wir schon jetzt unterwegs. Aber Promotion macht immer einen
Strich durch die Rechnung. Die Plattenfirma denkt eben, das sei wichtig. Ich
aber glaube, dass Live-Auftritte viel wichtiger sind als Werbung für die
Platte zu machen. Gute Konzerte sind die beste Promotion.
e-lectric:
Was hat sich Deiner Meinung nach verändert in den letzten Jahren?
Oakey: In der Branche ist nichts mehr so, wie es mal war.
Früher
gab es da viele verrückte Plattenfirmen mit viel Geld, das man mit beiden
Händen ausgeben durfte.
Als wir begannen, brauchten wir eigentlich nicht mal eine Plattenfirma.
Wir konnten von den Live-Auftritten leben. Und wenn man dann wie wir auch
noch einen Vertrag für Albumveröffentlichungen hatte, konnte man noch besser
leben. Heute dagegen ist alles sehr streng und knapp bemessen. Auch, weil es
nur noch eine Hand voll großer Plattenfirmen gibt. Und zwischen den
kleinsten Bands und Madonna, zwischen winzig und megagroß, gibt es keine
Live-Szene mehr. Da ist ziemlich übel, weil es die Entwicklung der aktuellen
Musik stoppt. Damals waren wir die erste Band, deren Mitglieder keine festen
Rollen hatten. Zuvor musste eine Band einen Schlagzeuger, einen Gitarristen,
einen Sänger und so weiter haben. Heute jedoch macht jeder alles. Und der
Produzent mischt auch noch kräftig mit, er nimmt Einfluss auf die Arbeit.
Der Prozent ist jetzt oft sogar wichtiger als die Band selbst. Früher haben
solche Leute einfach nur das aufgenommen, was die Gruppe auf der Bühne
gespielt hat. Und Geld hat heute auch niemand mehr zu viel.
e-lectric:
Ist „Secrets" eine Anspielung auf Euren Erfolg in den 80-ern?
Oakey:
Ja, ich denke schon. Es muss einfach so sein. Obwohl ich mich mit der Musik
dieser Zeit nicht mehr beschäftige. Ich höre nur moderne Dancemusic. Der
Charakter von „Secrets" hat eine Verbindung zu jener Musik, der ich es
verdanke, dass ich selbst Musik schreiben will – David Bowie, Roxy Music,
Donna Summer ...
e-lectric:
Welche Synthesizer habt Ihr benutzt?
Oakey: Die ganz alten! Ich benutze nur die, weil mir die neuen Geräte
nicht gefallen. Wir haben die ganz alten Korgs hervorgeholt, die ganz alten
Rolands und die alten Oberheim-Kisten, dazu noch zwei Arp-Synths. Obwohl:
Gerade haben wir noch eine riesige Investition getätigt und uns ein
megamodernes Gerät gekauft ...
e-lectric:
Gibt es einen Unterschied in der Arbeit damals und heute?
Oakey: Die größte Unterschied ist wohl die Aufnahmetechnik. Heute
wird ja alles gleich auf Festplatte aufgezeichnet.
Damit
gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Aufnahme und dem Sampling. Ein
Beispiel: Wenn wir in den 80-er Jahren etwa einen guten Drum-Sound auf dem
Synth gefunden hatten, spielte ihn der Computer bloß ein einziges Mal so.
Die wiederholten Sounds klangen dann bloß noch furchtbar. Heute nimmt man
einfach den besten Sound, speichert und kopiert ihn. Allerdings schwindet
dabei auch die Herausforderung bei der Arbeit. Die Entwicklung von Sounds
war ein großer Teil der Arbeitsfreude. |
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Wenn man
sich heute eine Synthesizerplatte 20 Mal anhört, wird man solche Sounds, die
sich erst bei der Aufnahme entwickelt haben, vermissen.
e-lectric:
Also beobachtest Du die derzeitige Musik sehr genau?
Oakey: So oft ich nur kann. Die Dancemusic ist heute so breit gefächert.
Die deutsche Dancefloormusik von der Mitte der 90-er Jahre an gefällt mir
ganz besonders.
Über House weiß ich dagegen nichts, auch R&B höre ich nicht. Bei Techno,
Trance, Electro und allem, was in diese Richtung geht, kenne ich mich
dagegen aus.
e-lectric:
Wie waren die Reaktionen auf „Secrets" bisher?
Oakey: Sehr gut, die Platte läuft gut.
Wir
bekamen sogar die besten Kritiken unserer gesamten Schaffenszeit.
e-lectric:
Wie geht Ihr mit diesem plötzlichen Riesen-Interesse um?
Oakey: Es ist klasse. Aber wir haben im Moment einige Probleme mit
der Planung für die nächste Zukunft.
Ziemlich verrückt, eigentlich. Schließlich hocken wir die meiste Zeit in
unserem winzigen Studio in Sheffield. Und einen Manager haben wir gerade
nicht. So müssen wir uns erst mal sortieren und herausfinden, was wir als
nächstes machen wollen.
e-lectric:
Macht Euch dieser große Erfolg nicht auch ein bisschen traurig, da andere
Human League-Alben nicht so gefeiert wurden?
Oakey: Eigentlich nicht. Popmusik ist so schnelllebig. Jahrelang haben
wir in diesen Rahmen nicht hineingepasst, heute aber passt plötzlich alles.
Aber irgendwie hat das einen Sinn. In den 90-ern waren wir nicht angesagt,
weil es für Human League zwischen House und Grunge keinen Platz gab. Es
braucht eben alles seine Zeit. Ich denke, es ist eine gute Sache, dass
unsere Art der Instrumentierung endlich akzeptiert wird. Und nicht nur das –
sie ist zu einer Art Standard geworden. Ein Synthesizer gilt heute genauso
als authentisches Instrument wie ein Saxofon oder ein Klavier. Für uns ist
das prima: Wir haben immer an die Synths geglaubt.
e-lectric:
Wenn Du etwas ändern könntest in den all den Jahren, was wäre es?
Oakey: Wir hätten mehr touren sollen. Und wir hätten mehr Platten
machen sollen. Dafür hätten wir uns umbringen müssen. Das allerwichtigste
sind aber Tourneen, davon hätten wir mehr unternehmen sollen. Die letzten
beiden Europatouren haben wir einfach abgesagt, weil der Kartenvorverkauf
nicht besonders gut lief. Das war ein Fehler. Wir hätten trotzdem spielen
sollen. Daher arbeiten wir gerade an einem Showkonzept. Letztlich ist dies
das einzige Mittel, die Leute zu erreichen, die sich für uns interessieren.
e-lectric:
Wann kommt Ihr nach Deutschland?
Oakey: Ich möchte, dass es noch in diesem Jahr passiert. Das ist
unser nächstes Projekt. Zurzeit laufen Gespräche mit verschiedenen
Managements.
e-lectric:
Wie siehst Du die Zukunft von Human League? Arbeitest Du schon an neuem
Material?
Oakey: Ja, gerade notiere ich schon Titel ... Und wir forschen schon
nach der technischen Ausrüstung dafür. Denn bei der Aufnahme wollen wir
einen großen Schritt zurückgehen.
Dafür
bringen wir gerade einige sehr alte Computer und Synthesizer auf Vordermann.
Zudem wollen wir Abstand nehmen von MIDI, damit die Songs gleich von Anfang
sehr organisch, sehr natürlich klingen. Vielleicht kommt MIDI dann später.
e-lectric:
Ein Arbeitstitel für einen „Secrets"-Song war Vince. War der Titel eine
Anspielung auf Vince Clarke von Erasure?
Oakey:
Aber ja, es stimmt, es war wirklich so. Heute heißt der Song „Never Give
Your Heart To A Runaway". Die Demoversion wurde mit einem Jupiter 6
aufgenommen und ich dachte, dass sie sehr nach Erasure und Vince Clarke
klingt. Unser Produzent aber hat dies weggewischt, so dass man davon leider
nichts mehr merkt.
e-lectric:
Martyn Ware und Vince arbeiten gerade sehr oft zusammen. Denkt auch Ihr
vielleicht an eine Kooperation mit Vince?
Oakey: Ich weiß ja nicht mal, wo die beiden sind! Ich habe Martyn seit
Jahren nicht mehr gesehen. Wie man hört, lebt er heute in London und hat
zwei Kinder. Vince habe ich mal 1980 getroffen und seither nie wieder
gesehen. Dabei würde ich dafür sterben, mal sein Studio zu sehen.
e-lectric:
Dieser Arbeitstitel hat einige Gerüchte verursacht, auch weil Vince
gerade in so vielen Projekten aktiv ist. Aber bei Human League mischt er
noch nicht mit.
Oder?
Oakey:
Nein, noch nicht – noch nicht ...
e-lectric:
Wäre so etwas oder eine gemeinsame Tournee mit Erasure – ähnlich wie die
mit Culture Club – überhaupt interessant?
Oder klingt das zu sehr nach Nostalgie?
Oakey:
Warum nicht? Schließlich schämen wir uns für nichts – ich mag die alten
Human League-Platten, ich bin noch immer stolz auf sie. Viele Künstler
verleugnen heute ihre Vergangenheit. Wir nicht. Wir haben niemals etwas
getan, das uns nicht gefiel. Daher haben wir auch mit solchen Tourneen kein
Problem. Im Gegenteil: Sie sorgen dafür, dass es weitergeht. Mein Lebensziel
ist es, noch viele weitere Platten zu machen – mit Sounds, die noch niemand
zuvor gehört hat. Und dafür gebe und tue ich alles.
e-lectric:
Woher beziehst Du Deine Inspiration?
Oakey: Aus der Kultur, aus allem, was in diesem Bereich um mich herum
geschieht. Bücher, Kino und so weiter. Ich sehe die Welt als ein großes Netz,
das alle Dinge mit einander verbindet.
e-lectric:
Dann müsste Dich das Internet ja sehr interessieren?
Oakey: Oh nein, mein Computer kommt nicht an die Telefonbuchse! Nachher
steigt Bill Gates in meinen Rechner! Das will ich nicht. Für das Internet
bin ich zu paranoid. Ich habe ihm bisher erfolgreich widerstanden.
e-lectric:
Würdet Ihr denn mal ein Internetkonzert spielen?
Oakey: Das würde davon abhängen, wie es aussehen soll. Unsere
deutsche Plattenfirma redet auf uns ein, um uns davon zu überzeugen, dass
sich das Internet für uns lohnt. Aber ich denke, dass das Netz in Europa
sowieso eine größere Bedeutung hat als hier in England. Ich probiere es
inzwischen also hier und da mal aus.
Im
Moment denke ich, dass man da viel Geld ausgeben kann ohne jemals etwas
dafür zu bekommen. |